Gleiche Rechte für alle! Auch in unserer Kirche!

Die Zukunft der Katholischen Kirche hängt nach Ansicht der Tübinger Theologieprofessorin Johanna Rahner entscheidend von der Frauenfrage und der Geschlechtergerechtigkeit ab. „Entweder wird die Kirche in den kommenden zehn Jahren synodal oder demokratisch oder sie wird nicht mehr existieren“, sagte Rahner am Dienstagabend bei einem Online-Vortrag auf Einladung der Initiative „Aufbruch im Zabergäu“.

Die Katholische Kirche müsse sich „endlich eingestehen, dass Frauen auch sakramental wirken dürfen“, betonte Rahner. Nur so könne man „den toten Punkt überwinden“, an dem sich die Kirche derzeit befinde, sagte Rahner vor rund 120 Teilnehmenden in Anlehnung an das Zitat des Münchener Kardinal Reinhard Marx vor kurzem. Johanna Rahner arbeitet seit 2014 als Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen.

Rahner empfahl den Kirchenleitenden den Wahlspruch von Willy Brandt im Jahr 1969, mehr Demokratie in der Kirche zu wagen. Außerdem müsse jede kirchliche Autorität erworben werden und dürfe nicht automatisch institutionell erlangt werden, sagte die Theologieprofessorin.

Zur kirchlichen Zukunft gehöre außerdem die Dialog-Bereitschaft statt des Anspruchs, die Wahrheit gepachtet zu haben. Kirche müsse zudem eine dienende und zuhörende Kirche werden statt einer herrschenden Institution. „Die aktuelle Lage der Katholischen Kirche ist ernst, weil uns die Zeit davon läuft“, so Rahner weiter.

Rahner erinnerte an die Aufbruchstimmung der 1968er-Jahre sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Damals habe es eine kritische Aufdeckung von verdeckten Machtstrukturen gegeben, „vieles wurde gnadenlos aufgedeckt und schonungslos auseinandergenommen“, so Rahner. Sie erinnerte unter anderem an den Essener Katholikentag 1968, der einen Entwurf gegen den römischen Zentralismus vorgelegt hatte und Konflikte wie die sogenannte „Pillen-Enzyklika“ Humanae Vita des damaligen Papstes Paul VI. erstmals in aller Öffentlichkeit diskutierte.

Diese Aufbruchstimmung habe es auch bei der Würzburger Synode 1971 bis 1975 gegeben, sagte Rahner. Damals habe man sich gegen eine Katholische Kirche gerichtet, die sich im 19. Jahrhundert „bewusst als antimodern“ ausgerichtet habe und notwendige Reformen verhinderte. Auch heute, so Rahner, gebe es in mehreren Ländern wieder „gefährlich Tendenzen“, dass sich führende konservative Politiker und führende Katholische Geistliche zusammenschlössen und sich gegen eine Reformkirche aussprächen.

Warum aber fällt es der Kirche so schwer, sich zu demokratisieren? Die Hoffnungen durch die Aufbruchstimmung Ende der 1960er-Jahre sei schon in den 1980er-Jahren mit dem aus Polen stammenden Papst Johannes Paul II. zerfallen. Dieser habe die Entscheidung getroffen, dass die Katholische Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu weihen, sagte Rahner. Außerdem sei diese Zeit überlagert gewesen vom Ost-West-Konflikt, sodass unter anderem die Beschlüsse der Würzburger Synode „in den Schubladen geblieben sind“. Nach Ansicht von Rahner folgten so „30 Jahre bleierne Zeit und eine fatale Erblast, die wir auch mit sieben Jahren Papst Franziskus nicht einholen können“.

Rahner glaubt aber dennoch, dass die Katholische Kirche eine Zukunft haben kann, wenn sie sich reformiert und demokratischer wird. Außerdem biete auch das bestehende Kirchenrecht jetzt schon Möglichkeiten, dass Frauen wenigstens auf Mittlerer Ebene schon Verantwortung übernehmen könnten. „Man muss es einfach nur mal wollen und anfangen damit“, betonte Rahner.

Als positives Beispiel nannte sie die Entscheidung des Erzbistums München und Freising, die Leitung des Generalvikariats aufzuteilen. Dort gibt es inzwischen einen Generalvikar und eine Amtschefin, die an der Spitze des Erzbischöflichen Ordinariats stehen und einerseits die Verwaltungsangelegenheiten verantworten und andererseits so den Erzbischof Reinhard Kardinal Marx unterstützen.