“Der Prozess ist nicht zu Ende”

Online-Dekanatskonferenz mit Weihbischof Matthäus Karrer zur Kirchenentwicklung
Die Kirchenentwicklung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geht in einer Zeit großer Veränderungen, Umbrüche und inmitten einer Pandemie weiter. Was aber hat der Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ in den vergangenen Jahren bewirkt und welche Schlüsse ziehen Kirchenleitende und Gemeinden daraus? Mit diesen Themen und der Auswertung dreier Studien dazu beschäftigte sich die diesjährige Dekanatskonferenz Heilbronn-Neckarsulm. „Der Prozess ist nicht zu Ende“, begrüßte Weihbischof Matthäus Karrer die Teilnehmenden bei der Online-Konferenz.

Karrer stellte die Ergebnisse von zwei wissenschaftlichen Studien der Hochschulen Tübingen und Freiburg vor: Pastoralberichte. Auswertungsstudie zu den Pastoralberichten des Prozesses „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ von Professor Michael Ebertz und Janka Höld, den Forschungsbericht zur Studie „Kirche im Netzwerk pastoraler Ereignisse“ von Professor Michael Schüßler und Tobias Dera (beide Studien entstanden im vergangenen Jahr). Außerdem präsentierte der Weihbischof die Evaluation des Pastoralentwicklungsprozesses „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“. Qualitative Interviews an vielen Orten von Gabriele Maier-Güttler und Dieter Barth aus diesem Jahr.
Die Studien formulieren nicht nur den Entwicklungsbedarf, sondern nennen auch notwendige Handlungsschritte wie etwa den Blick für den Einzelnen. Bei der Katechese beispielsweise sei in der Corona-Krise deutlich geworden, dass es neue Fragestellungen der Menschen gibt und auch neue Antworten gefunden werden müssen. „Es geht nicht um die Wiederholung von Programmen, sondern um das, was die Menschen jetzt brauchen und welche Botschaft wir für sie haben“, betonte der Weihbischof. Und er fügte hinzu: „Wir dürfen die Gottesfrage nicht den Freikirchen und charismatischen Bewegungen überlassen.“
In der „Einzelsorge“ sieht man Wachstumspotenzial für die Kirche. Auch die diakonische Dimension sei demzufolge wesentlich für den kirchlichen Auftrag, weil sie eine große gesellschaftliche Zustimmung finde und Kirche zum relevanten und gesellschaftlich sichtbaren Partner für nichtkirchliche Organisationen und Institutionen mache. Zukunft hat aber auch eine noch bessere Vernetzung innerkirchlich und außerkirchlich, hier sehen die Studien vor allem Potential für Innovation durch die Zusammenarbeit verschiedener Partner.
Für die kommenden Jahre zeichnete Karrer unter anderem folgende Schwerpunkte auf:
- Hauptamtliche pastorale Dienste sollen Freiräume erhalten, um in ihren Aufgabenfeldern den Blickwechsel zum Leben und Glauben der einzelnen vollziehen zu können. Die Arbeitsbeschreibungen sehen dazu einen „Freiraum von 10% Neues“ vor.
- Die Hauptabteilungen initiieren Vernetzungen und schaffen die konzeptionellen und personellen Rahmenbedingungen für die Sorge um den/die Einzelne:n an vielen Orten und entwickeln mit den Beteiligten entsprechende Qualitätskriterien und Möglichkeiten der Evaluation.
- Die Diözese fördert die wachsende Aufmerksamkeit an vielen Orten für die Suchbewegungen der Menschen. Die Hauptabteilungen unterstützen die Verantwortlichen, spirituelle Autonomie zu fördern und christliche Ressourcen für die persönliche Sinnstiftung anzubieten.
- Engagement-Entwicklung und eine zeitgemäße Ehrenamtskultur sind auf der Basis von Taufberufung, Charismen-Entwicklung und Partizipation grundlegend für die (pastoralen) Entwicklungsprozesse in der Diözese.
- Die Hauptabteilungen kooperieren mit dem diözesanen Caritasverband, um an vielen Orten eine Vernetzung mit der organisierten Caritas und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die im Sinne des Evangeliums tätig sind, zu fördern.
- Für die Personalentwicklung wird ein Kompetenzmodell für Pastorales Personal entwickelt. Dazu werden die vier pastoralen Dienste, aber auch andere Mitarbeitende auf allen Ebenen und vor allem die Dekanatsreferent:innen in der Entwicklung von Prozesskompetenz und Moderationskompetenz geschult.
Die Vision wie auch die Schwerpunkte für die weitere Kirchenentwicklung werden laut Weihbischof Karrer in Sitzungen der Diözesanleitung beraten und entschieden. Die einzelnen Hauptabteilungen setzen sie in Handlungsschritten um, anschließend werden sie dem Diözesanrat zur Beratung und Entscheidung vorgelegt. Aber auch in den Dekanaten, Seelsorgeeinheiten und weiteren kirchlichen Orten könnten Handlungsschritte entwickelt werden, Unterstützung wird seitens des Bischöflichen Ordinariats und der Dekanate gewährleistet.
Lob und Kritik gab es bei der Dekanatskonferenz dann aus allen Gruppen, die sich zur Diskussion der Themen gebildet hatten. Einig ist man sich, dass neue Denkweisen und Antworten dringend notwendig seien, Zweifel wurden an der Umsetzbarkeit geäußert. Geistliche Prozesse müssen stärker berücksichtigt werden, dafür brauche es aber das entsprechende Know-How. Dass man mit der Caritas und ihrer konkreten und praktischen Zuwendung an die Menschen punkten kann war ebenso übereinstimmend wie die Erkenntnis aus der Corona-Pandemie, dass es künftig oder weiterhin eine digitale und eine sich begegnende Kirche geben müsse.
Unklar hingegen blieb für einige Teilnehmenden, wie man 10% Freiraum überhaupt ermöglichen könne angesichts eines zeitlich überlasteten Personals. Auch gebe es die Einzelsorge schon in vielen Gemeinden, das Problem auch hier: Es fehle die Zeit dafür. Kritisiert wurde zudem, dass es keinen echten Dialog zwischen „Oben“ und „Unten“, zwischen Diözese und der Basis gebe, der etwas weiterentwickeln könnte. Auch in puncto Ehrenamt gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen, etwa dass Ehrenamtliche befugt werden sollen können, in der Seelsorge tätig zu sein.