Auf dem Martinusweg vor unserer Haustür

Der Bezirk Unterer Neckar hatte anlässlich des Welttags für menschenwürdige Arbeit (7.Okt.) eingeladen, sich körperlich fühlbar in Bewegung zu setzen und Zeit miteinander zu teilen.
Die Vorbereitung zu diesem Wagnis war intensiv. Inhalte, Ablauf und Logistik erforderten mehrere Planungsrunden. Wegen des Wetters blieb es spannend bis zuletzt. Trotz der Regenfälle vor und nach unserem Termin sollten die Niederschläge laut Wettervor­hersage am Tag des Pilgerns nachlassen. Die Telefonkonferenz um 8 Uhr entschied: Es wird gestartet und der Anrufbeantworter so besprochen. Kaum war die Ent­scheidung gefallen, goss es wie aus Kübeln.

Mit dem pünktlichen Start im einstmaligen Deutschordensdorf Erlenbach um 10.30 Uhr war der letzte Tropfen gefallen. Den ganzen Tag waren wir bei an­genehmen Wandertemperaturen unterwegs. Karl Heinz Treml erläuterte vor dem reichen Ernte­dankaltar der Martinuskirche Baugeschichte und Ausstattung. Die inhaltlichen Impulse beschloss das Gebet zum Tag, in das wir die verstorbene Erlenbacherin Traudl Keicher mit einbezogen. Vorbei an der Erlenbacher Ölmühle und an der über uns liegenden Deponie Vogelsang ging‘s den Heilbronner Wartberg hinauf. Dort schloss sich erfreulicherweise ein Gemeinde­mitglied aus St. Augustinus unserer Gruppe an.

An zwei Aussichtspunkten auf dem Wartberg lag unser gesamter Pilgerweg sowie die Wirtschaftsgeschichte unserer Region zu unseren Füßen: „vom schwäbischen Liverpool zur Start-Up-City“ mit breitem Branchenmix. Das 100jährige Bestehen der Internationalen Arbeitsorganisation der UN (ILO) erinnerte uns an die beschlossenen Kernarbeitsnormen der ILO.

Rudolf Rupp versorgte uns auf der Wartberghöhe mit Getränken, sodass wir erfrischt den Weg fortsetzen konnten, vorbei am Jüdischen Friedhof im Breitenloch nach St. Augustinus.

Bei der Mittagspause bewirteten uns vier Frauen der KAB-Gruppe; die Köchin Birgitta Ehrenfeld servierte uns wohlschmeckende Maultaschensuppe. Außerdem stieß Bezirkspräses Weikart zu unserer Gruppe. Beim nächsten Halt im Alten Friedhof trafen wir nicht nur auf das Robert-Mayer-Grab oder das Kaiser-Wilhelm-Denkmal sondern auch auf die geschichtlichen Spuren des ehe­maligen Karmeliterklosters mit seiner Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau zur Nessel. Außer diesem Ort erinnern noch drei Straßennamen an das Wirken dieses Bettelordens in Heilbronn.

Über die Nikolaikirche  -  daneben ehemals das Stadtkonventhaus der Karmeliter -, den Hafenmarkt mit den Restspuren des Barfüßer­klosters und das verschwundene älteste Judenviertel der Stadt in der Lohtorstraße gelangten wir  - vorbei an der Kilianskirche -  zum Deutschhof. Nach 1250 bis 1805 hatte dort der Deutsche Ritter­orden seine Hauskommende, ein eigenständiges katholisches Territorium innerhalb der reformier­ten Freien Reichsstadt. Ursprüng­lich war die Peter-und-Paul-Kirche eine Marienkirche. Leider ver­passten wir wegen eines Miss­verständnisses dort einen weiteren Einsteiger. Schade, dass uns nicht noch mehr Personen – wie erhofft -  einen kleinen Abschnitt des Weges als Spaziergänger begleiteten.

Der Martinusweg führte entlang des Neckars durch den Wert­wiesenpark nach Sontheim, wo früher die Sommersresidenz des Deutschen Ordens lag. Im Ge­meindehaus auf dem Bau tischte uns Rudolf Rupp Kaffee und Hefe­zopf zur Stärkung auf. Die Tal­heimer Katholiken waren bis 1823 in St. Martinus eingepfarrt. Am Deinenbach erinnerte uns ein Gedenkstein an die ehemalige Synagoge, zu der zeitweise auch die Heilbronner Juden gehörten. Nach Überquerung der Neckartal­staße gelangten wir zum Mühl­kanal im Schozachtal und zum Jüdischen Friedhof für die Sont­heimer und Talheimer Juden.

Am Rauhen Stich erwartete uns Birgitta Ehrenfeld mit Erfrischungs­getränken. Jeder Teilnehmer erhielt zur Stärkung einen „Martinusriegel“, der ans Teilen erinnert. Auf der letzten Weg­etappe erreichten wir den Tal­heimer Marktplatz. Hoch darüber thront ortsbildprägend das Obere Schloss, eine Ganerben­burg mit auffälligem Fachwerk. Im württembergischen Westteil der Burg wurde 1850 eine Synagoge errichtet. Nachdem der Deutsche Ritterorden vier Sechstel Talheims erworben hatte, siedelte er konsequent katholische Einwohner im Ort an. Im Obergeschoss des Lyherschlösschens richtete er deshalb eine Kapelle ein, im Unter­geschoss eine katholische Schule. An dieser Stelle auf der Höhe wurde 1887 die heutige Kirche Mariä Himmelfahrt fertiggestellt. Nachdem wir den letzten steilen Anstieg zu diesem Ziel bewältigt hatten, erreichten wir um 17.40 Uhr oben die Kirche. Ein Impuls und ein Gebet setzten den inhaltlichen und spirituellen Schlusspunkt. Anschließend sorg­ten die Talheimer KAB-Mitglieder Hubert Schmidt und Hermann Wörner im Gemeindehaus für die Erholung und die leibliche Stärkung. Nachdem Präses Weikart sich in Sontheim verab­schiedet hatte, konnten die zehn Anwesenden in geselliger Runde zufrieden und erfüllt auf die gut bewältigten neunzehn Kilometer des Pilgerwegs zurückblicken.

Dennoch konnte sich niemand vorstellen, im Anschluss die gleiche Strecke zurück noch einmal unter die Füße zu nehmen. Die Idee, im Rahmen der
36-Stunden-Aktion für soziale Gerechtigkeit einen Weg dieses Zeitaufwandes zu bewältigen, war bei der Frühjahrsfachtagung zum Thema Digitalisierung der Arbeit entstanden. Dort wurde z.B. die Tätigkeit von Fahrradkurieren vorgestellt, die während ihrer Sechsstundenschicht die Aufträge nur über eine digitale Plattform abwickeln. Da der Verdienst oft nicht ausreicht, hängen sie eine zweite Sechsstundenschicht unmittelbar an. Die Frage stellt sich: Wie muss technischer Fortschritt gestaltet werden?

Reinhard Keinert

Samstag, 5.10.2019

Und Lust bekommen das nächste Mal (am 4. April 2020, 3. Oktober 2020) mit dem Dekanat mitzupilgern?
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