Interview der Mitternachtsmission Heilbronn

Interview der Mitternachtsmission Heilbronn mit einer Frau, die in der Prostitution gearbeitet hat und mit der Corona-Pandemie aus der Prostitution ausgestiegen ist

Wie war mein Leben vor Corona?

Mein Leben vor Corona war einerseits wunderschön – wir konnten spazieren gehen.
Mein Leben war gleichzeitig schlimmer wie jetzt – ich hatte zwar die Freiheit dorthin zu gehen, wo ich hingehen wollte – das war wunderschön! – für alle Menschen nicht nur für mich.

Wie ist mein Leben jetzt in der Pandemie?

Corona hat mein Leben komplett gewechselt – um 180 Grad. Die ersten drei Monate war sehr, sehr schwer – weil ich die Arbeit verloren habe. Es war psychisch schwer – weil man sein Leben komplett wechseln musst. Auf einmal bist du frei – zu machen was du willst. Ich werde nie das Datum vergessen – am 18.03. hat mich die Polizei weggeschickt von der Arbeit nach Hause.

Ich hatte 150 Euro für mich und meine zwei Kinder und kein Geld für die Wohnung – das war sehr schwer – psychisch – wie kann ich eine Lösung finden? Zu Hause zu bleiben jeden Tag war schwer – die drei Jahre davor habe ich immer jeden Tag viele Menschen gesehen und auf einmal habe ich nur noch 4 Gesichter gesehen.

Nach drei Monaten haben sich viele Dinge verändert. Ich musste in den ersten drei Monaten lernen, nur am Tag zu leben – das war schwer und schön. Ich stehe jetzt gerne auf und schicke meine Kinder in die Schule und ich empfange sie nachmittags wieder und koche für sie. Es ist wunderschön am Leben meiner Kinder mehr teilhaben zu können – gemeinsam Abend zu essen, sie ins Bett schicken und dabei auch zu streiten – ich habe wieder gelernt Mutter zu sein. Und heute in der Pandemie bin ich Mutter!

Ein Jahr ist das her und es hat viel verändert in meinem Leben – ich kann nicht glauben, dass so viel im Leben eines Menschen passieren kann.

Ich hab‘ viel verloren – nicht das Geld meine ich – ich habe Menschen verloren, die ich geliebt habe – ihre Freundschaft. Getäuschte Freundschaften! Das ist sehr schwer und gleichzeitig gut.

Ich habe viel gewonnen – die Liebe meiner Kinder – das war richtig. Früher habe ich gefühlt, dass ich diese Liebe verloren habe – jetzt habe ich sie wiedergewonnen!

Ich habe meine Augen für viele wichtige/richtige Menschen in meinem Leben geöffnet – habe eine wichtige und ehrliche Freundschaft gefunden und dazugewonnen.

Jetzt bin ich allein in der Welt mit meinen Kindern – das ist genug! Meine Kinder machen mich mehr glücklich als früher – ich bin nicht allein! Es gibt nichts teureres als meine Kinder groß werden zu sehen!

Welche Wünsche habe ich für die Zukunft?

Dass alle gesund bleiben! Dass Corona einfach weggeht und das Leben normal wird wie früher.Ich will genug Zeit haben, um meine Kinder groß werden zu sehen und, dass sie „richtige“ Menschen werden.
Eine Arbeit zu finden ist nicht schwer – aber gesund und realistisch zu bleiben ist schwer.
Ich bin dankbar, dass meine Kinder hier in Deutschland sind. Mein Leben ist wunderschön – wenig Geld zu haben ist nicht einfach – aber besser mit wenig Geld leben aber viel von den Kindern haben!

Das Leben ohne Kinder – war ein Leben ohne Gefühle. Immer nur in den Tag hineinleben.